Die Kybernetik der Weltwirtschaft erfordert Lenkungscockpits

Kybernetikverständnis ist notwendiger denn je!

Schuld an der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 waren linearen Steuerungsmodelle, die in einer ökonomischen Schönwetterphase entstanden sind, jedoch in einer komplexen Welt mit hohen Volatilitäten, großen Verwerfungen und unbekannten Störgrößen versagen. Fehlende Navigationssysteme führen zu einer Logik des Misslingens, deren finales Ende in einer Schuldenwirtschaft, der Manipulation von Statistiken und letztlich auch in der Arbeitslosigkeit vieler Menschen gipfelt.  Bei unerwarteten Störgrößen oder Katastrophen sind die psychologischen Wirkungen auf die Finanzmärkte direkt sichtbar und die Stimmung in der Wirtschaft kann in Echtzeit kippen. Moderne kybernetische Ansätze für die Ökonomie sind in der Lage, die Faktoren Komplexität und Feedback im Rahmen von Modellen zu berücksichtigen. Kybernetische Modelle erlauben die Steuerung und Lenkung der Wirtschaft durch eine Navigation und Früherkennung von Risiken wie in einem Flugzeug-Cockpit. Wer will schon in einem Flugzeug sitzen, in dessen Cockpit die Monitore falsche Werte anzeigen. Die heutige Netz-Ökonomie braucht kybernetische Modelle, welche in allen Phasen von Wirtschaftszyklen funktionieren, um Bubbles frühzeitig entgegenzuwirken. Die bisherige Ignoranz gegenüber Systemrisiken führt nicht zu Lösungen, sondern zu vorhersehbaren Domino-Effekten und Katastrophen. Deshalb benötigen wir kybernetische Modellansätze und Lenkungs-Cockpits nicht nur im Management, sondern auch in der Politik, wenn wir überlebensfähige Strategien entwickeln und die Risiken minimieren wollen. Stafford Beer, der berühmte britische Managementkybernetiker, hatte vor, ein derartiges Cockpit einst für das Land Chile zu etablieren. Die Ermordung Salvador Allendes durch den von Amerika unterstützten späteren Diktator Pinochet bereitete jedoch dem bereits im fortgeschrittenen Stadium befindlichen Projekt ein jähes Ende. Stafford Beer wollte, dass die Politik nicht mehr durch Wahlzyklen gesteuert wird, sondern durch Wechselwirkungen berücksichtigende Indikatoren, die unabhängig von der jeweiligen Regierungspartei eine wirksame Lenkung eines Staates ermöglichen.

Absolutes versus relatives Wachstum

Investoren benötigen kybernetisch orientierte Modelle, in denen eine beliebig wählbare Anzahl von ökonomischen Faktoren miteinander vernetzt werden können. Die Wechselwirkungen der Faktoren untereinander sind auf versteckte Rückkopplungen zu untersuchen, um ein besseres Verständnis über volkswirtschaftliche Zusammenhänge sowie das Verhalten der Märkte zu erhalten. Die Variation der Faktoren erlaubt, die Konsequenzen bestimmter Veränderungen sofort zu erkennen und somit durch neue Erfahrungen bessere Entscheidungen treffen zu können. Dies ermöglicht, Krisensituationen frühzeitig zu erkennen, damit es nicht zu Kredit- und Vertrauenskrisen kommt. Die Lösung heißt ehrliches Sanieren, statt unehrliches Manipulieren auf Kosten aller. Die entscheidende Stellschraube für den Wohlstand ist die Geldwertstabilität. Der Irrtum, warum man sie nicht mehr als entscheidendes Kriterium sieht, liegt darin, dass man nicht zwischen absolutem und relativem Wachstum unterscheiden gelernt hat. Die letzten sieben Jahre sind die USA, betrachtet man die Wechselwirkung aller ökonomischen Indikatoren, relativ gesehen geschrumpft. Das „Reich-Rechnen“ kann nur beendet werden, wenn man lernt, dass man etwas im Wert nur bewahren kann, wenn es kostbar bleibt, wie dies der Theoretiker Ludwig von Mises in seinem Buch „Human Action“ beschrieb. Werden Bankkonten durch Inflation und fallende Aktienpreise immer weiter entwertet, ist als finaler Akt die größte Weltrezession aller Zeiten unausweichlich: die Depression 2.0.

Das Relativitätsprinzip der Ökonomie

Da Banken keine ausreichenden Risiko-Management-Tools besitzen, steckt die Weltwirtschaft in einem Dilemma, da Ursachen und Wirkungen von Kursveränderungen nicht voneinander unterschieden werden können. Die nichtlinearen Wechselwirkungen sind so komplex und laufen so schnell zeitlich hintereinander ab, dass wir mit den bisherigen Betrachtungsweisen überfordert sind, zwischen zufälligen und notwendigen Entwicklungen zu unterscheiden. Gemäß Hegel muss das, was wirklich ist, auch möglich sein. Natürlich war es von vorne herein möglich, dass viele Banken Pleite gehen, aber zur Wirklichkeit wird es erst, wenn Blasen platzen. Dass dies immer schneller und heute fast in Millisekunden passiert, ist die große Herausforderung des elektronischen Zeitalters. So wie der absolute Raum im Rahmen der Relativitätstheorie nur etwas Gedachtes ist, aber nicht etwas Wirkliches, ist es auch mit absoluten Zahlen in der Wirtschaft. Diese suggerieren uns eine Schein-Wirklichkeit, die es gar nicht gibt, wenn wir ökonomische Zahlen nicht relativ zueinander betrachten. Dieses Dilemma kann deshalb nur durch eine Relativitätstheorie innerhalb der Ökonomie behoben werden. Die Dialektik von Möglichkeiten und Wirklichkeiten in der Ökonomie lässt sich nur mit der Dialektik aus Kontinuität (Wirtschaftsaufschwung) und Diskontinuität (Rezession) beschreiben. Wer wie Bernanke versucht, Rezessionen, die sich aus der Wechselwirkung des Systems ergeben, zu verhindern, reduziert die Freiheit der Marktteilnehmer und führt durch sein Eingreifen den Marktteilnehmern massive Wertverluste zu, die umso größer ausfallen, je größer die Blasen sind, die in einer Phase einer durch Zinsenkungen induzierten Schein-Kontinuität erzeugt werden. Eine Ökonomie der Relativität erfordert ein Verständnis der Wechselwirkungen, der kybernetischen Relationen. Das sinngebende Ziel einer kybernetischen Wirtschaft, die ich Endo-Ökonomie (Endonomics) nenne,  ist der relative Erhalt von Werten und nicht der bisher praktizierte Wertverlust, vor allem des sich dem Papierwert annaehernden US-Dollars.

Autor: Dr.-Ing. Artur P. Schmidt